Rohrkrepierer
Heute ein kleines Spezial aus der Reihe Presseschau.
Eine ehemals renommierte deutsche Wirtschaftszeitung – das Handelsblatt – versucht sich gerade in Kampagnenjournalismus. Grund ist der Streit über die Erhaltung / Abschaffung / Erneuerung des Urheberrechts, der vor allem von Seiten der Rechteverwerter mit zunehmendem Druck in die Öffentlichkeit getragen wird.
In seiner gestrigen Ausgabe hat das Handelsblatt nun unter dem Titel “Mein K(c)pf gehört mir” die Aussagen von 100 Personen (Autoren, Verleger, Wissenschaftler, Verwerter, …) veröffentlicht, die sich gegen die vermeintlich Abschaffung des Urheberrechts in die Bresche werfen. Heute kamen in der Online-Ausgabe nochmal 60 weitere Statements dazu.
Ich kann nicht umhin, ein paar Punkte dazu anzumerken:
Erstens. Der Titel spielt auf den Slogan “Mein Bauch gehört mir” an. Der stammt aber aus der Abtreibungsdebatte und der Vergleich ist – angesichts der Unvergleichbarkeit der Probleme – geschmacklos. Auch wenn man sich im Hause Holtzbrink mehr Auflage wünscht, müsste man nicht die absurde Geldgier von Verwertern mit den existenziellen Nöten ungewollt schwangerer Frauen in einen Topf werfen. Abgesehen davon hat gerade die Abtreibungsdiskussion gezeigt, dass “mein Bauch” alles andere als mir gehört, weswegen der Titel gleich doppelt schlecht gewählt ist.
Zweitens. – Die angegriffene Putativposition ist schlicht falsch. Weder die Grünen noch die Piraten noch irgendwelche anderen ernstzunehmenden Netzorganisationen fordern meines Wissens die Abschaffung des geistigen Eigentums. Vielmehr gibt es von vielen Seiten konstruktive Vorschläge, wie man das Urheberrecht an die gewandelten Bedürfnisse des Internetzeitalters anpassen könnte. Mehrere davon stehen in Partei- und Wahlprogrammen. Kein einziger davon wird im Handelsblatt erwähnt.
Drittens. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir es hier mit “Ansgar Hevelin reloaded” zu tun haben: Polemik bringt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit bringt Auflage. Wenn dabei der Ruf als seriöse Wirtschaftszeitung leidet, scheint das zumindest niemanden zu stören. Fakt ist jedenfalls, dass das Handelsblatt früher als zitierfähige Quelle galt und diesen Status gestern freiwillig abgelegt hat. Aber vielleicht sehen wir hier auch nur den Beginn einer gezielten Umpositionierung der Marke “Handelsblatt”. Eventuell ist ein Verkauf an Springer längst geplant und man übt in den verdammten geretteten Redaktionen schon mal den neuen journalistischen Stil?
Viertens. Selten ist ein Schuss so episch nach hinten losgegangen wie dieser. Hier wird genau denjenigen ein unschätzbarer Dienst erwiesen, gegen den sich die Kampagne richtet: den Piraten. Indem hunderte Protagonisten des angestaubten Urheberrechtsdramas auf die Bühne geschleift werden, bringt das Handelsblatt das Thema genau rechtzeitig als Wahlkampfthema in Stellung. Mit dem digital durchfeuchteten argumentativen Pulver in den Rohren verkommt der intellektuelle Aufstand jedoch zur unfreiwilligen Farce. Die Piraten hingegen werden nicht zögern, den träge dümpelnden Kahn unter Feuer zu nehmen und die rauchenden Trümmer genüsslich politisch auszuschlachten.

